Heiße Debatte Verlängerung der Arbeitszeit und Rentenkürzung: Nicht mit uns!

IG Metall Mannheim erteilt aktuellen Forderungen aus dem Arbeitgeberlager und der Rentenkommission eine klare Absage - Thomas Hahl: „Zukunft entsteht nicht durch mehr Arbeitszeit, sondern durch Innovation, Mut und kluge Reformen“

Warnweste


Mannheim, den 23.06.2026

IG Metall-Pressedienst Nr. 02 /2026

  •  IG Metall Mannheim erteilt aktuellen Forderungen aus dem Arbeitgeberlager und der Rentenkommission eine klare Absage

  • Thomas Hahl: „Zukunft entsteht nicht durch mehr Arbeitszeit, sondern durch Innovation, Mut und kluge Reformen“

  • „Eine pauschale Anhebung des Renteneintrittsalters auf 70 Jahre ist nichts Anderes als eine verdeckte Rentenkürzung“ 

Die Debatte um die Zukunft der Arbeitswelt und des Sozialstaates nimmt an Fahrt auf:

„Die Forderung nach einer Rückkehr zur 40-Stunden Woche ist aus unserer Sicht der falsche Weg und ein klarer Rückschritt“, kritisiert Thomas Hahl, Geschäftsführer und 1. Bevollmächtigter der IG Metall Mannheim die aktuelle Aussage von Mercedes-Benz-Aufsichtsratschef Martin Brudermüller. „In vielen Bereichen reden wir heute über Arbeitszeitreduzierung, auch weil Aufträge fehlen. Gleichzeitig ist Realität in den Betrieben: Wenn die Auftragslage stark ist, leisten die Beschäftigten bereits heute mehr – sie arbeiten länger, flexibel und häufig auch an Wochenenden und Feiertagen. Eine pauschale Arbeitszeitverlängerung würde diese Realität ignorieren und am Ende vor allem eines bewirken: Weiteren Personalabbau. Was wir brauchen, ist kein Blick zurück, sondern ein gemeinsamer Schulterschluss zur Gestaltung der Zukunft – zwischen Politik, Unternehmen und Beschäftigten. Es geht um Investitionen, um wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen, um eine nachhaltige Senkung der Strompreise und darum, wie wir die Transformation, insbesondere die Elektrifizierung, aktiv gestalten.“

 

Zukunft entstehe nicht durch mehr Arbeitszeit, sondern durch Innovation, Mut und kluge Reformen, ergänzt Hahl.  Wer heute alte Modelle wiederbeleben wolle, handele nicht zukunftsorientier. Im Gegenteil: „Es entsteht der Eindruck, dass Teile der politischen Debatte und der Kapitalseite lieber ‚zurück zur Kutsche mit Pferden‘ wollen, statt den industriellen Wandel aktiv zu gestalten. Das spaltet die Gesellschaft und gefährdet den sozialen Frieden.“

  

Scharfe Kritik an Vorschlägen zum Renteneintrittsalter

Dies zeige sich auch deutlich in der aktuellen Rentendebatte zu den Vorschlägen der Rentenkommission. Hahl: „Die vorliegenden Vorschläge sind keine echten Reformen – sie sind ein Angriff auf unsere sozialen Sicherungssysteme. Und das werden wir nicht akzeptieren. Eine pauschale Anhebung des Renteneintrittsalters auf 70 Jahre ist nichts anderes als eine verdeckte Rentenkürzung. Wer körperlich hart arbeitet und früh ins Berufsleben einsteigt, kann schlicht nicht bis 70 durchhalten.“

 

Müsse jemand früher in Rente gehen, werde er oder sie mit dauerhaften Abschlägen bestraft. Das sei weder gerecht noch sozial ausgewogen und habe mit einer Reform nichts zu tun, kritisiert Hahl scharf.

 

„Unser Ansatz ist ein anderer: Wir müssen endlich die Lebensrealität der Menschen anerkennen und die Rentenfrage an den Beitragsjahren ausrichten. Wer beispielsweise mit 16 Jahren ins Berufsleben startet und 45 Jahre in die Rentenkasse einzahlt, muss auch mit 61 Jahren abschlagsfrei in Rente gehen können. Wer dagegen erst mit 25 Jahren einsteigt, erreicht diese 45 Beitragsjahre später – entsprechend verschiebt sich auch das Renteneintrittsalter nach hinten. Das ist gerecht, nachvollziehbar und leistungsorientiert. Gleichzeitig müssen wir das System stabilisieren, indem wir die Finanzierungsbasis verbreitern. Es kann nicht sein, dass große Gruppen nicht einzahlen, während die Last auf immer weniger Schultern verteilt wird. Deshalb müssen künftig mehr Erwerbstätige in das System einbezogen werden.“

 

Auch der sogenannte demografisch-gesundheitliche Indikator der beschwerdefreien Lebenserwartung müsse betrachtet werden, so Hahl. „Denn im Durchschnitt leben wir 81 Jahre, davon aber nur 63 ohne gesundheitliche Probleme. Danach leiden viele Menschen. 2024 hat die deutsche Rentenversicherung rund 402 Milliarden Euro eingenommen, davon kamen rund 116 Milliarden vom Bund. Bei diesen Zahlen müssen wir die sogenannten versicherungsfremden Leistungen, wie beispielsweise die Mütterrente betrachten. Gegen diese Leistungen habe ich im Prinzip nichts, aber dafür müsste nach meiner Ansicht die Allgemeinheit aufkommen. Wir müssen also klar trennen: Was ist beitragsfinanziert und was sind gesetzlich beschlossene Leistungen ohne Beiträge? Für Letztere muss der Staat, also die Gesellschaft zahlen. Das Problem ist, dass es keine allgemein verbindliche Definition für versicherungsfremde Leistungen gibt. Die Rentenversicherung, die regelmäßige Berechnungen macht, nimmt da eine enge und eine erweiterte Abgrenzung vor. 2023 waren es je nach Definition 68 beziehungsweise 124 Milliarden Euro. Der Bundeszuschuss, der die versicherungsfremden Leistungen abdecken soll, betrug damals nur 84 Milliarden Euro, also gab es eine Unterdeckung von 40 Milliarden in diesem Zeitraum! Der Bundeszuschuss ist zwar in den vergangenen Jahren nominal gestiegen, im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt aber gesunken. Und da ist nicht einmal die Inflationsrate eingerechnet.“

 

 

Das Ziel der IG Metall sei klar: „Wir wollen eine starke Industrie, sichere Arbeitsplätze und ein stabiles soziales Sicherungssystem. Das erreichen wir nicht mit Rückschritten, sondern nur mit Mut, Gerechtigkeit und echten Zukunftskonzepten. Die aktuellen Forderungen sind unserer Sicht der falsche Weg und ein klarer Rückschritt.  Sollten diese umgesetzt werden, prophezeie ich einen ‚heißen Herbst‘, parallel zu den Aktionen der dann laufenden Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie“.