Ein Meinungsbeitrag aus Sicht von Daniela Schiermeier "Wir handeln nicht nur für uns selbst, sondern für die Gemeinschaft."

Daniela Schiermeier ist seit 1990 Mitglied. Die gelernte Technische Zeichnerin ist bereits in der Ausbildung in die IG Metall eingetreten. Aus Überzeugung! Heute ist sie Präsidentin des Europäischen Betriebsrats und Vorsitzende des Konzernbetriebsrats von ABB.

Broschüren, abstrakt

6. Oktober 2026 6. Oktober 2026


Durch meine Brille: Jetzt sind wir gefragt Verantwortung zu übernehmen!

Um es schonungslos vorwegzunehmen: Die Altersstruktur und die Zusammensetzung der IG Metall Mitglieder  – aber auch anderer Gewerkschaften – wird zunehmend zu einem großen Problem. Darüber mache ich – aber auch viele meiner KollegInnen –  uns oft Gedanken...

Was meine ich damit?

Ein großer Teil der Gewerkschaftsmitglieder ist in ihrem letzten Drittel des Erwerbslebens. Viele treten mit dem Eintritt in die Rente aus den Gewerkschaften aus. Zeitgleich baut die, traditionell gewerkschaftlich sehr starke, Automobilindustrie massiv Arbeitsplätze ab und auch hieraus ergeben sich strukturelle Gewerkschaftsaustritte. Wenn ich also „das Eine“ und „das Andere“ addiere, erhalte ich ein „massives Minus“ und wir werden in den nächsten Jahren einen massiven Schwund an Gewerkschaftsmitgliedern haben. Das wirkt sich direkt auf die Stärke der Gewerkschaften aus.  

Wenn wir als Betriebsräte über eine Mitgliedschaft in der IG Metall sprechen, höre ich oft die Frage:

„Was habe ich persönlich davon? Ich bekomme die Verbesserungen oder Vorteile doch sowieso.“  

Das ist eine verständliche Frage. In einer Zeit, in der viele Menschen genau darauf achten müssen, wie sie ihr Geld ausgeben, möchten sie wissen, welchen unmittelbaren Nutzen ihnen ein Mitgliedsbeitrag bringt. Jetzt könnte ich hier die direkten Vorteile aufzählen, aber das wurde zu genüge bereits getan. Ich glaube auch, dass diese Betrachtung zu kurz greift. Für mich ist die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft mehr als eine individuelle Kosten-Nutzen-Rechnung. Sie ist ein Beitrag zur Solidarität und zur Gestaltung der Arbeitswelt von morgen. Gerade in diesen Tagen und Wochen wird hoffentlich vielen bewusst, welche Schätze wir mit unseren Tarifverträgen haben: Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall, Altersteilzeit, Sonderzahlungen, 30 Tage bezahlter Urlaub, Tarifliche Zusatztage (T-Zug), 3,1 % Entgelterhöhung in diesem Jahr….  

In gewisser Weise erinnert mich das Szenario an den Klima- und Umweltschutz.

Viele Maßnahmen, die wir heute ergreifen, werden wir selbst vielleicht gar nicht mehr in vollem Umfang erleben oder gar davon profitieren können. Trotzdem sind sie notwendig, richtig und wichtig. Nicht für uns allein, sondern für diejenigen, die nach uns kommen und auch um (noch) Schlimmeres zu verhindern.  

Genauso verhält es sich mit der gewerkschaftlichen Arbeit. Die guten Arbeitsbedingungen, die viele von uns heute als selbstverständlich betrachten, sind nicht vom Himmel gefallen. Tarifverträge, faire Löhne, geregelte Arbeitszeiten, Urlaub, Mitbestimmung, Arbeits- und Gesundheitsschutz – all das wurde von Generationen vor uns erkämpft. Menschen haben sich organisiert, engagiert und Verantwortung übernommen, damit die Beschäftigten von heute von diesen Errungenschaften profitieren können. Sie haben nicht nur an sich selbst gedacht. Sie haben an ihre Kolleginnen und Kollegen gedacht. An ihre Kinder. An die nächste Generation von Beschäftigten.  

Daniela Schiermeier, Vorsitzende des Konzernbetriebsrats der ABB in Deutschland bei einer Warnstreikkundgebung der IG Metall. 

"Die guten Arbeitsbedingungen, die viele von uns heute als selbstverständlich betrachten, sind nicht vom Himmel gefallen. Tarifverträge, faire Löhne, geregelte Arbeitszeiten, Urlaub, Mitbestimmung, Arbeits- und Gesundheitsschutz – all das wurde von Generationen vor uns erkämpft."

Heute stehen wir erneut vor großen Herausforderungen.

Die Transformation der Industrie, Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, globale Wettbewerbsverschiebungen und der Fachkräftemangel verbunden mit den demographischen Veränderungen der Belegschaften verändern die Arbeitswelt und die Gesellschaft in rasantem Tempo. Die Entscheidungen, die wir heute treffen, werden darüber bestimmen, unter welchen Bedingungen wir, aber auch unsere Kinder, morgen arbeiten werden. Wenn wir möchten, dass auch künftige Generationen sichere Arbeitsplätze, faire Entlohnung, Weiterbildungsmöglichkeiten und Mitbestimmungsrechte vorfinden, dann müssen wir bereits heute dafür eintreten (im wahrsten Sinn des Wortes 😉).  

Eine starke Gewerkschaft lebt dabei nicht von guten Ideen allein. Sie lebt von Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und Solidarität zu zeigen. Jedes Mitglied stärkt die gemeinsame Stimme der Beschäftigten. Nicht nur am Verhandlungstisch, sondern auch in gesellschaftlichen Debatten darüber, wie Arbeit in Zukunft gestaltet werden soll und natürlich auch finanziell, denn eine starke Gewerkschaftsarbeit ist nur mit finanziellen Mitteln möglich.  

Vielleicht spürt nicht jedes Mitglied sofort einen persönlichen Vorteil.

Vielleicht wird die nächste Tarifrunde den eigenen Arbeitsplatz gar nicht direkt betreffen. Vielleicht profitiert zunächst ein anderer stärker von den erreichten Verbesserungen. Doch genau darin zeigt sich die Stärke von Solidarität: Wir handeln nicht nur für uns selbst, sondern für die Gemeinschaft.   Wer Mitglied in der IG Metall wird, investiert deshalb nicht nur in den eigenen Schutz und die eigene Interessenvertretung. Er investiert in eine Zukunft, in der Beschäftigte weiterhin eine starke Stimme haben. In eine Zukunft, in der wirtschaftlicher Erfolg und soziale Verantwortung zusammengehören. Und in eine Zukunft, in der unsere Kinder und Enkel nicht Arbeitsbedingungen vorfinden, um die wir uns heute nicht gekümmert haben.

Wir alle profitieren heute von Menschen, die vor Jahrzehnten den Mut hatten, sich zu engagieren.

Es liegt an uns, diese Verantwortung weiterzutragen. Deshalb ist die Frage nicht nur: „Was habe ich heute davon?“ Vielleicht sollten wir häufiger fragen: „Was hinterlasse ich den Beschäftigten von morgen und meinen Kindern?“  

Denn genau wie beim Schutz unseres Klimas entscheidet auch bei der sozialen Zukunft unserer Arbeitswelt das Handeln der Gegenwart darüber, welche Chancen und welche Lebensqualität kommende Generationen haben werden. Eine Mitgliedschaft in der IG Metall ist deshalb weit mehr als eine persönliche Entscheidung – sie ist ein Beitrag zu nachhaltiger Solidarität und gelebter Verantwortung über die eigene Generation hinaus.

Wir sind als Betriebsräte nicht die „Drückerkolonne“ der Gewerkschaft, aber wir erleben in unserer täglichen Arbeit, welche starke Basis unsere Tarifverträge sind und wollen uns eine Arbeitswelt ohne diese nicht vorstellen, wir wollen helfen, diese Stärke auch an unsere Kinder weiterzugeben.  

In diesem Sinne: Denken Sie bitte sehr ernsthaft über einen Beitritt in die Gewerkschaft nach, wir brauchen die solidarische Stärke, vielleicht heute und morgen noch mehr als gestern. 

Ihre Daniela Schiermeier, Vorsitzende des ABB Konzernbetriebsrats

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